Lesestoff

Holger Leisering: Gedichte

Dorfkind

Dorf erfahren, weggefahren
Ich lieh mir ein paar Bretter
Und auch die Kirchturmfahne

Den Nahverkehrswaggon
Erklärte ich zum Schwane
Ich Narr. So flog ich davon
Ich bin so Stadt, ich bin so städter

Dachte, hier wär es netter
Theater, die Bierbar alles in der Drehe
Auch das Kirchlein
Das zur Welt mir Scharnier war

In der Sakristei
Wo mein Engel immer fort flog
War mein Engel weiß
Ich bin eine Milbe nur
In Gottes Schweiß

Grüne Eule

Cosima kannte
Einen Tankwart vom Lande
Der stellte ihr
Die Einspritzpumpe ein

Ich bekenne voller Neid
Ich saß die ganze Zeit
Getarnt als grüne Eule
Auf der Zapfsäule

Und schrieb traurig
In meinen Vers hinein
Mir blieb nichts übrig
Als grüne Eule zu sein

Ich hatte kein Fahrzeug
Nicht ´mal Feuerzeugbenzin
Im Vertrauen, selbst die grüne Eule war ausgeliehn

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aus Chris Götze: Das Projektil und der Schwamm

Ruben Jakob (13) über einen guten Freund
Tommy war ein doppelter Überlebender. Erst überlebte er einen Autounfall und dann das Leben als Opfer. Ersteres ist für Letzteres ziemlich von Bedeutung, denn Tommy war ein Opferkind, weil seine Eltern ‘nen Märtyrer aus ihm machen wollten … so einen, der immer die andere Wange hinhält … oder das andere Auge, die anderen Rippen, Zähne … und der sich natürlich keinem „Trend“ unterwirft! Mit Trend meinten sie gescheite Klamotten, gute Videospiele und so. Er bekam nie das, was er wollte, solange andere Jungs dasselbe wollten beziehungsweise schon längst hatten. Solche Eltern waren das …!
Aber dann kam der Unfall. Seine Eltern und beiden älteren Geschwister kamen dabei um, und Tommy, der verdammte Jüngste, überlebte … und stand erstmal schön allein da. Es wurde nachgeforscht, wer jetzt für ihn verantwortlich wäre, aber das war gar nicht so leicht! So wurde er hin und her geschubst und keiner wollte ihn wirklich haben, bis dann sein Onkel Friedhelm, an den zunächst überhaupt niemand gedacht hatte, weil er der totale Family-Outsider war, sagte: „Hey, ihr Pisser, ich nehm ihn!“ O. K., so hat er’s wahrscheinlich nicht gesagt – aber so ein Typ war er. Ich kenn ihn nämlich ziemlich gut, den Friedhelm! Die beiden haben dann nämlich nur drei Blöcke von uns weg gewohnt. ABER so weit bin ich noch gar nicht, denn bis dahin konnte ich Tommy mal so überhaupt nicht ab!
Tommys Eltern riefen jeden Tag 2, 3 andere Mütter an, um sich über deren freche Schlägerkinder zu beschweren … und währenddessen lernten sie dem Jungen kein bisschen, sich mal zu wehren. Diese Anrufe waren so saublöd …, ich mein, das bringt doch nichts. Die Jungs waren nur noch mehr aggro, weil sie wegen Tommys blöden Eltern Hausarrest oder Schläge oder sonst was bekamen. Ich bekam nie Hausarrest oder Strafen, nur ganz selten, meistens saßen meine Eltern nämlich damals schon so da wie heute. Und ich glaube, dass meine Mutter, wenn sie die Nummer von Tommys Freak-Eltern am Display sah, schon meistens extra nicht mehr abhob – die meisten Eltern machten sich nämlich auch über Tommy, und vor allem über seine Eltern lustig (natürlich anders, als Kinder das machen). Na ja, jedenfalls war Tommy das Letzte – selbst Opferkinder schlugen ihn.
Tja und die Lehrer – die Lehrer guckten zu, weil Tommy kein Schlaumeier war. Ein Lehrer ist immer gleich auf 180, wenn’s ‘nem Schlaumeierkind an den Kragen geht! Aber so ‘nem Jungen, der mit 9 Jahren nicht mal auf 7 x 7 und 12 x 4 antwortet …, der interessiert die ‘nen Scheiß. Obwohl, einen Lehrer gab es dann doch, der sich ein bisschen um Tommy kümmerte …, allerdings war das ausgerechnet DER Opferlehrer … und das machte die Lage für Tommy nicht besser, sondern schlechter – wenn das überhaupt noch ging. Der Typ nahm Tommy im Winter zum Beispiel mal im Auto mit, der kannte nämlich auch Tommys Eltern und so – jedenfalls flogen bestimmt 500 Schneebälle gegen das verdammte Auto! Aber dann kam der Unfall und Tommys Eltern waren pfutsch – und da kam Onkel Friedhelm ins Spiel!
Jetzt wird phantasiert, was? Jetzt denkst du, der wäre Rambo gewesen oder so, was? Nee, überhaupt gar nicht. Friedhelm war kein Rambo, er arbeitete immer so bis halb 5 und dann saß er den restlichen Tag mit Bier und Tortillachips vor der Glotze! Ganz genau, ein Bierchen nach dem anderen … und er war’s so gewohnt, dass er nie besoffen davon wurde. Jedenfalls hab ich ihn nie betrunken erlebt. Jetzt aber das Ding, der Unterschied, die Pointe: Friedhelm schaute GUTE Filme – er war der absolute Filmjunkie und Sammler … und Tommy saß dann mit vor der Glotze und sah all diese Filmhelden, die alles machten, nur nicht die andere Wange hinhalten! Mit Friedhelm hatte diese dumme Elternhinterhertelefoniererei ein Ende!
Ja, so war das. Tommy kam nach wie vor verspottet und verprügelt von der Schule, aber dann gab’s keine Märtyrerpredigt, sondern ‘ne Tiefkühlpizza … und wenn er mit seinen Hausaufgaben fertig war, kam Friedhelm und dann sah er „Scarface“ oder so Filme wie „Der Pate“, „Papillon“, „Die Verurteilten“, „Taxi Driver“ und bekam irgendwie ‘nen ganz neuen Blick auf die Welt und wie man sich in ihr zurechtfinden kann. So ‘nen Scheiß wie „Wenn du dich nicht wehrst, dann macht’s den anderen keinen Spaß!“ hörte er nie wieder. Und er kapierte, dass er sich selbst verdammt anders verhalten hatte wie all diese Typen in den Filmen! Und er sah auch, dass die Typen in den Filmen es nicht von Anfang an leicht hatten, dass die verdammt noch mal kämpfen mussten. Selbst Michael Corleone oder dieser Blonde in „Zwei glorreiche Halunken“ kriegen mal aufs Maul – aber dann kämpfen sie weiter!
Ja, das alles sah der kleine Tommy mit seinen 10 Jahren. Er SAH es, auch wenn die Filme ab 16 waren, denn das Wichtige sieht und versteht auch ein verdammter 10-Jähriger – Tommy zumindest. Und dann kam’s, Mittwochmorgen vor Sport, ich werde das nie vergessen: So ein kleiner 8-jähriger Furz läuft an Tommy vorbei und sagt ganz langsam „Pus…sy“. Und Tommy verpasst ihm dermaßen eins zwischen die Rippen, dass der Kleine anfängt zu heulen und anfängt, sich den Bauch zu halten, als wär’s ein Messer gewesen!
Ich mein, das ist im Prinzip ‘ne total abgefahrene Situation, dass da so ein 8-Jähriger saufrech Pussy sagt – zu ‘nem verdammten 10-Jährigen! Aber JEDER wäre davon ausgegangen, dass Tommy nur zum Boden guckt und sonst nichts! Das war der Anfang, da hatte er das erste Mal auf sein verdammtes eigenes Herz gehört. 5 Wochen, nachdem das von seinen Eltern aufgehört hatte zu ticken.
Er zeigte es allen, nach und nach, „Tommito’s Way“…, den Lehrern, weil er plötzlich bessere Noten schrieb (klar, wenn du dich nicht ständig dran denken musst, was für’n Opfer du bist!), den Schülern, weil er sich plötzlich wehrte und außerdem herauskam, dass er zwei verdammte Fäuste haben konnte.
ABER: Normalerweise reicht das nicht aus, wenn einem Opfer auf einmal 2 Fäuste wachsen – zumindest nicht,  wenn die Vergangenheit so versaut war wie bei Tommy. Tja, und da, an dieser verdammten Stelle, kam ich ins Spiel! Denn, ich hab Respekt vor jedem, der für sich kämpft … Und weil ich sah, dass Tommy seinen Weg gehen wollte, entschied ich mich, ihm dabei unter die Arme zu greifen. Tommy kapierte das ziemlich schnell und so wurden wir die dicksten Homeys und so lernte ich dann auch Friedhelm kennen und Tommys Geschichte seit dem Tod seiner Eltern und bald saß ich nachmittags oft mit dabei und sah so Filme, von denen ich vorher nicht mal auch nur den Namen gehört hatte. Anfangs wollte Friedhelm mich da nicht so recht dabei haben, weil er Ruhe wollte und dachte, ich wär so einer, der dauernd labert, aber dann hat er’s gecheckt, dass ich das nicht bin und dann war’s okay.
Friedhelm ist extrem in Ordnung – der hat nie auf so einen Mist wie Altersbeschränkung geachtet. Für ihn gab’s gute und schlechte Filme! Und manchmal gab’s sogar ein Bierchen für uns!
Wir beide, Tommy und ich, hingen so viel bei Friedl rum, dass wir, glaub ich, so ‘ne ähnliche Idee davon bekamen, wie die Welt und so funktioniert … und deswegen sitzt Tommy wohl jetzt auch, weil er 4 Monate älter ist als ich, im Knast, während ich hier hock und nichts Bessres zu tun hab, als seine blöde Lebensgeschichte runter zuschreiben …
Kryz: Das Projektil und der Schwamm, Seite 46-50, Projekte Verlag, 2011 – ISBN: 978 – 3 – 86237 -4755 // die Rechte liegen beim Projekte-Verlag und bei Christopher Götze (aka Kryz)
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